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Fünf Jahre Nichtraucherschutzgesetz

Raucher und Gastronomen zahlen in Unna keine Bußgelder

Von Dirk Becker und Christoph Klemp, 30.04.2018
Raucher und Gastronomen zahlen in Unna keine Bußgelder © Udo Hennes
Geraucht wird seit fünf Jahren meist im Freien – wie hier vor dem Unnaer Rathaus. Foto: Archiv

Unna. Als das Nichtraucherschutzgesetz vor fünf Jahren in Kraft trat, blieben die meisten Unnaer Wirte gelassen. Zwar sind auch in der Bierstadt seither Kneipen und Gaststätten geschlossen worden – die Gründe waren aber vielfältig.

Vor fünf Jahren war die Aufregung groß: Am 1. Mai 2013 trat das neue Nichtraucherschutzgesetz in Nordrhein-Westfalen in Kraft. Überall war damals vom bevorstehenden Sterben der Kneipenkultur die Rede – kaum vorstellbar schien das frisch Gezapfte ohne den blauen Dunst drumherum. In Unna aber blieben die meisten Wirte gelassen – „viel Rauch um nichts“ sahen sie in der Debatte.

Jetzt, fünf Jahre später, hat sich an dieser Sichtweise nicht viel verändert. „Ich denke, dass auch die, die damals den Lauten gemacht haben, inzwischen überzeugt sind, dass es gut ist, dass das Gesetz gekommen ist“, sagt Heinz Glade, Erster Vorsitzender des Wirtevereins Unna. Über das Gesetz werde in Unna kaum noch gesprochen. Die Erkenntnis, dass Speisen in rauchfreien Restaurants besser schmeckten, habe sich durchgesetzt.

Zwar wurden auch in Unna Kneipen geschlossen, die wenigsten allerdings wegen des Rauchverbots. Es waren eher Alters- oder gesundheitliche Gründe, die Gastronomen dazu bewegten, den Zapfhahn für immer hochzuklappen. Unna war immer eine Stadt, in der es Wechsel in der Kneipenlandschaft gab. Besonders deutlich wird das aktuell im Bereich Morgenstraße, wo längst nicht nur alteingesessene Gastronomen Publikum locken. Geraucht wird dort – wie an anderen Stellen auch – vor den Lokalen. Und es wird wohl auch weniger geraucht.

Nordrhein-Westfalen hat – neben Bayern und dem Saarland – mit das strikteste Nichtraucherschutzgesetz in Deutschland. Andere Bundesländer erlauben noch Raucherkneipen oder abgetrennte Raucherbereiche in der Gastronomie. Mit dem Gesetz wurden 2013 zahlreiche Ausnahmen gekippt, die das alte Recht noch vorsah: Keine abgetrennten Bereiche mehr für Raucher in Restaurants, auch reine Raucherkneipen gehören der Vergangenheit an. Nur geschlossene Gesellschaften sind in Gaststätten vom Rauchverbot ausgenommen.

Hessisches Modell
Eine Facebook-Umfrage unserer Zeitung zum Thema ist auf ein großes Echo gestoßen. Viele Nutzer teilten die Meinung von Benjamin Horn, der das Rauchverbot in Restaurants begrüßt, aber findet, dass das Rauchen in Kneipen dazu gehört. Auch bei Schützenfesten seien viele Zelte leerer als früher, schreibt Peter Thiemann. Und Jennifer Raacke-Tatzel würde NRW das „hessische Modell“ empfehlen, das Rauchen in Kneipen, in denen nur Getränke ausgeschenkt werden, weiterhin erlaubt.

Zugegeben: Die Regeln, die das Nichtraucherschutzgesetz gibt, sind strikt. Wer dagegen verstößt, riskiert Bußgelder – theoretisch. Denn das Ordnungsamt der Stadt Unna hat bisher nicht ein einziges Mal ein Verwarngeld gegen Raucher oder Gastronomen verhängt.

Rauchverbot in Festzelten
Das Rauchverbot in gastronomischen Betrieben ist aber nur ein Teil der gesetzlichen Regelung. Auch in Sport-, Kultur- und Freizeiteinrichtungen sind Raucherräume seit fünf Jahren verboten. Ausnahmen, die es zum Beispiel für Festzelte bei Schützenfesten, Karneval und Kirmes gab, wurden gestrichen.

Auf Schulgrundstücken ist auch nach Unterrichtsschluss das Rauchen untersagt. Sogar auf schulischen Veranstaltungen außerhalb des Schulgrundstücks darf nun nicht mehr gequalmt werden. Auf ausgewiesenen Kinderspielplätzen ist seit fünf Jahren ebenfalls Schluss mit dem Zigarettenqualm.

„Tabak ist ein überflüssiges Produkt“

Ute Mons leitet die Stabsstelle Krebsprävention beim Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. Mit Christoph Klemp hat sie über Gefahren des Rauchens, die Tabak-Lobby und eigene Raucherfahrungen gesprochen.

Welche Krankheiten lassen sich eindeutig auf das Rauchen zurückführen?

Beim Lungenkrebs ist das enorm. Das ist eine der häufigsten Krebsarten, die wir haben – und in 80 bis 90 Prozent der Fälle ist Rauchen die Ursache. Daneben gehört auch COPD dazu. Das ist eine richtig schwere Lungenerkrankung. Betroffene können am Ende nur noch wenige Schritte gehen, wenn überhaupt, weil die Lunge so hochgradig geschädigt ist, dass sie keinen Sauerstoff mehr bekommen.  Das ist hochdramatisch, diese Menschen haben dann richtige Erstickungsanfälle.

Daneben gibt es viele Krankheiten, bei denen Raucher ein erhöhtes Risiko haben: Dazu gehören Herz-Kreislauferkrankungen, Schlaganfall und elf weitere Krebsarten, die durch das Rauchen verursacht werden.

Wie viele Menschen sterben jährlich durch das Rauchen?

Etwa 120.000 Todesfälle im Jahr sind in Deutschland auf das Rauchen zurückzuführen.

Gibt es noch etwas zu verbessern am Nichtraucherschutz in NRW?

Das Gesetz ist grundsätzlich gut gemacht. Soweit ich weiß, ist es auch das strengste in ganz Deutschland. Das Problem ist meistens nicht das Gesetz, sondern der Vollzug. In unserer Umfrage von 2017 haben viele angegeben, dass in Diskotheken, in Spielhallen, Kneipen und Restaurants geraucht worden ist – trotz des Verbots. Für den Vollzug sind die lokalen Behörden zuständig und denen fehlt auch das Personal, um da regelmäßig zu kontrollieren.

Wenn Sie es sich wünschen könnten: Sollte Rauchen komplett verboten werden?

Ich würde mir vor allem wünschen, dass es eine bessere Unterstützung für Raucher gibt, die mit dem Rauchen aufhören wollen. Das machen andere Länder, wie Großbritannien, wesentlich besser. Dort gibt es staatliche „Stop-Smoking-Services“. Dort können Raucher hingehen, um sich beraten zu lassen, wie sie am besten mit dem Rauchen aufhören können. In Deutschland wird es Rauchern so schwer gemacht, mit dem Rauchen aufzuhören. Jemand, der gerade mit dem Rauchen aufgehört hat, sieht hierzulande an der nächsten Haltestelle die Tabakwerbung, sieht an der nächsten Ecke den Zigarettenautomaten und wird an Supermarktkassen oder der Tankstelle mit den massenhaft verfügbaren Zigaretten konfrontiert.

Die Profitorientierung siegt über den Gesundheitsschutz?

Das sieht man doch auch in der Automobilindustrie und in anderen Bereichen: Die Politik geht selten konsequent für den Gesundheitsschutz des Menschen vor. Stattdessen räumt sie den Herstellern und der Industrie sehr weitreichende Möglichkeiten ein, Profite zu machen auf Kosten der Gesundheit der Bevölkerung. Tabak ist aber ein überflüssiges Produkt. Es ist per se schädlich und man braucht es einfach nicht.

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