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An der Westenmauer

Traum vom innenstadtnahen Wohnen wird in Kamen zum Trauma

Von Carsten Janecke, 07.06.2018
Traum vom innenstadtnahen Wohnen wird in Kamen zum Trauma © Borys Sarad
Anwohner an der Westenmauer machen auf eine sich verschärfende Problemlage, die auch den Übergang zu ...

Kamen. Es ist der Traum vom innenstadtnahen Wohnen, den sich Jörg Erlhoff vor vier Jahren verwirklicht hat, als er in die zentral gelegene Wohnung, modern und gut geschnitten, an der Westenmauer zog. Ein neues Zuhause vis-à-vis des kleinen Parks am Edelkirchenhof, dazwischen eine Tempo-30-Zone und die Innenstadt mit Fußgängerzone, dem Einkaufszentrum „Kamen-Quadrat“, Hellmig-Krankenhaus und dem Severinshaus fast vor der Haustür. Doch der Traum an dem Standort, wo einst das DRK-Heim stand, entwickelt sich für ihn mehr und mehr zum Albtraum.

„Die Freizeit genießen? Das kann man hier nicht mehr.“

Ursache für das Ungemach ist der Verkehr, der nach Aussage mehrerer der dortigen Anwohner, insgesamt 13 Parteien der Hausnummern 18a und 18b, in den vergangenen Monaten deutlich zugenommen habe. „Es ist laut geworden ohne Ende“, sagt Erlhoff und seufzt. Nachbar Friedhelm Birk, der gerade mit weiteren Anwohnern an der Straße steht, bestätigt das. „Nach der Tempo-10-Zone vor dem Severinshaus wird ordentlich Gas gegeben. Die Fahrzeuge kommen hier mit bis zu 50 Stundenkilometern an.“ Bereits morgens könne man kein Fenster mehr öffnen, weil „es ab 5.30 Uhr mit dem Verkehr losgeht“, führt Erlhoff aus. Bis zum späten Abend, etwa 22.30 Uhr, sei es nicht mehr möglich, die Balkone zu nutzen. „Und jedes zweite Auto ist zu schnell.“ Innerhalb 20 Minuten zähle er zuweilen mehr als hundert Fahrzeuge.

Dass die Straße viel befahren wird, ist kein Zufall. Zwei Parkhäuser (City-Parkhaus und Severinshaus) liegen in der Nähe. Der Abschnitt, der als Nadelöhr bekannt ist, ist Bestandteil des historischen Rings, der über Nordenmauer, Westenmauer, Koppelstraße und Ostenmauer verläuft und dabei einmal ums Zentrum herumführt. Die zuletzt steigende Verkehrsbelastung könnte aber auch mit dem Zustand des eigentlichen Rings, bezeichnet als „Innerer Ring“, zu tun haben. Weil West- und Nordring als Schlaglochpiste kurz vor der Sanierung stehen, könnten sie gezielt umfahren werden, so die Vermutung der „Westenmaurer“. „Der Berufsverkehr geht jetzt hier durch“, so Birks Feststellung.

Der Innere Ring führt weiter außerhalb um den Stadtkern herum über Poststraße, Ostring, Westring und Nordring. Bis 2011 zählte auch die Bahnhofstraße zu diesem Netzschluss dazu. Sie ist im Jahr 2011 abgebunden worden, als die Sanierung des Bahnhofsquartiers mit neuem Parkhaus abgeschlossen wurde.

Die Anwohner erhoffen sich nun Lösungen, um die zuzunehmenden Belastungen zu mindern. Beispielsweise eine Verkehrsmessung, wie die Stadtverwaltung an der Straße „Auf dem Spiek“ durchgeführt hat. Bei der Messung dort war das durchschnittliche Tempo als deutlich zu hoch identifiziert worden. Die Stadtverwaltung, die schon zuvor neue Piktogramme in Übergröße auf die Straße gebracht hatte, kündigte danach weitere Hilfe für die „Spieker“ an. Die „Westenmaurer“ hab ihr Anliegen im Rathaus noch nicht vorgebracht.

Die Stadt ist in dem Bereich schon einmal Bürgerbeschwerden nachgegangen, als sie vier Poller auf den niedrigen Westenmauer-Bürgersteig setzte, um Fußgänger besser zu schützen. Das war im Jahr 2013. „Es liegt uns jetzt aber noch nichts vor. Ungeachtet dessen würden wir dort die Situation prüfen, falls wir angesprochen werden“, kündigt Stadtsprecher Hanno Peppmeier Gesprächsbereitschaft an. Er hält einen Ortstermin mit den Anwohnern für sinnvoll. „Wir würden die Situation sachgerecht prüfen.“

Bei einem Gespräch dürfte auch die Situation an der Kämerstraße und an der Einmündung zum Krankenhaus, also einmal um zwei Ecken des Gebäudes herum, zur Sprache kommen. Auch dort bezeichnen die Westenmauer-Anwohner die Lage als schwierig. Durch den abgesenkten Bürgersteig würden die dort passierenden Fahrzeuge, vor allem Krankentransporte und Taxis, sehr nah vor der Ausfahrt herfahren. Es sei schon häufig vorgekommen, dass es fast zur Kollision gekommen sei.

Kommentar der Redaktion

Kleine Maßnahmen, große Wirkung

Erst die „Spieker,“ jetzt die „Westenmaurer“. Und auch an anderen Orten der Stadt wächst der Unmut über den Verlust an Lebensqualität durch zu viel Straßenverkehr, zu lautes Motorengetrommel und zu viel Treibstoffnebel.

Die Verkehrsbelastung hat weiter zugenommen. Elektrofahrzeuge, die schadstoffärmer sind, sofern sie mit regenerativen Energien angetrieben werden, und auch leiser, haben den Alltag nicht verändert. Das Fahrrad wird viel zu wenig genutzt.

Verstärkte Klagen aus der Bürgerschaft resultieren nicht nur durch die Verkehrsbelastung an sich. Sondern auch die gestiegene Sensibilität, eine berechtigte Sensibilität, verstärkt durch gesetzlich verankerte Luftreinhalte- und Lärmaktionspläne, die nicht nur lendenlahme Papiertiger bleiben dürfen, sondern auch brüllend Anwendung finden müssen. An der Lünener Straße haben sie Anwendung gefunden, nachdem es auch dort Diskussionen über unerträglich gewordene Verkehrsbelastungen gegeben hat. Die Stadtverwaltung hat dort lange mit Straßen NRW gerungen, um Verbesserungen erzielen zu können. Dort nachts Tempo 30 durchzusetzen – ein respektables Ergebnis. Das gilt auch für den Spiek, wo absehbar ist, dass auch kleine Maßnahmen großen Effekt haben können. Vielleicht auch an der Westenmauer, auch wenn der Verkehr nicht wegzuzaubern ist.

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